Beziehungen als Heilmittel gegen Einsamkeit? – Ein Kommmentar

Lonelyness gets better with a deep bond

Meine offene und direkte Kommunikation mit dem Thema Einsamkeit und meine (für mich) logische Schlussfolgerung, dass ein echter (!) Partner es „heilen“ könnte, erwecken bei Menschen den Eindruck, dass ich im Allgemeinen eine Lösung für alle Probleme in einer Beziehung sehe. Leider hat dies auf beiden Seiten bereits zu großer Frustration geführt, weshalb ich hier meine Erfahrungen teilen möchte.

Die Symptome von Einsamkeit

symptoms to lonelyness

Single zu sein bedeutet oft, sich einsam zu fühlen. Insbesondere wenn man lange Zeit Single ist und nicht in der Lage ist, gewisse Bedürfnisse zu befriedigen (und nein, ich meine nicht nur körperliche Bedürfnisse), treten bestimmte „Symptome“ auf:

1. Man sieht überall glückliche Paare

Und es spielt keine Rolle, wie sehr man sich immer wieder daran erinnert, dass dies nur eine subjektiv fokussierte Ansicht und nicht Realität ist. Jedes Pärchen, das man trifft, ist automatisch ein „perfektes Paar“. Sonntage sind die schlimmsten Tage, denn gefühlt ist man dann ausschließlich von Paaren und Familien umgeben. Da ist das Gefühl von Neid vorprogrammiert.

Das Bild eines glücklichen Paares erzeugt in einem unfreiwilligen Single sehr negative Gefühle wie Frustration, Ohnmacht, Traurigkeit usw. Das oft tolle Wetter zu genießen (bei Spaziergängen z.B.) scheint dann unmöglich. Das einzige was noch übrig bleibt, ist die Flucht. Nur wohin? Meistens in das eigene Zuhause, wo dann wieder die Einsamkeit einen einholt. Klingt stark nach einem Teufelskreis :D…

2. Plötzliches Riechen eines männlichen Duftes

Es ist ein faszinierendes „Symptom“. Es ist mir in den seltsamsten Situationen und an den ungewöhnlichsten Orten passiert, dass ich plötzlich einen sehr angenehmen und anregenden Männergeruch in der Nase hatte. Aber als ich mich umsah – oder „herumschnüffelte“ – konnte ich nirgendwo einen Mann oder die Quelle des Geruchs finden.

In diesen Momenten kamen Flashbacks an vergangene Männer in meinem Leben, die sehr real waren. Ich habe deren Geruch in der Nase gehabt und ich fühlte wieder ihre Haut, die ich damals streichelte. Ich konnte dann sogar die Haare fühlen, die ich durchgewuschelt habe. Glaubt mir, es kostet immense Kraft innezuhalten und NICHT dem Ex zu schreiben.

3. Ich suche unterbewusst überall nach körperlichem Kontakt

Wie erkennt man, dass man unter extremen Mangel an intimem physischen Kontakt leidet? Wenn man anfängt physischen Kontakt zu suchen, wo auch immer dieser möglich ist. Diejenigen, die darunter „leiden“, sind normalerweise Freunde und Familienmitglieder. Sie werden oft von mir dann „gezwungen“, mich zu umarmen – oder bekommen oft meinen Kopf auf ihrer Schulter zu spüren.

Der physische Kontakt (z. B. die Umarmung) ist eine Reaktion und keine bewusste Handlung. Sehr selten ist es möglich, die andere Person darauf vorzubereiten, auf was gleich von mir kommt. Viele fühlen sich von so viel Körperkontakt überrannt und überfordert. Im Allgemeinen sind die Erwartungen an den physischen Kontakt in einer Freundschaft zwischen einer Person, die sich einsam fühlt, und einer ausgeglichenen Person sehr unterschiedlich. Bisher hatte ich kein Problem mit meinen Leuten, ich weiß, wann ich eine Umarmung beenden muss ;). Aber leider spüre ich oft, dass es der einzige Weg ist die körperlichen Schmerzen zu lindern, die ich aufgrund der Einsamkeit verspüre.

Hinweis: Ja, Einsamkeit führt bei mir zu körperlichen Schmerzen. Mehr dazu bald in einem separaten Artikel.

4. Freizeit zu organisieren – und zu genießen – wirkt belastend

Ich war mein bisheriges Leben lang Single, das heißt ich habe 28 Jahre meines Lebens viel Zeit für mich gehabt. Ich konnte die Zeit ganz gut nutzen. Hier ist eine kurze Liste von Dingen, die ich als Dauersingle gemacht habe und weiterhin mit Vergnügen mache:

  • Ich habe neue Hobbies entdeckt und entwickelt (Singen, Lesen, Stricken, …)
  • Ich gehe auf wissenschaftliche Vorträge und kulturelle Events (ja, auch alleine)
  • Ich probiere mich in Sportarten aus (Tanzen und Radln sind weiterhin meine Nr. 1)
  • Ich treffe regelmäßig Freunde und Bekannte
  • Ich besuche oft alleine Bars und Restaurants, beobachte dort Menschen und/oder genieße sehr leckere Cocktails (perfekt zum Menschen kennenlernen!)
  • Ich genieße oft Spas und Massagen
  • Ich vertiefe mich in Fernsehserien

Wenn man die richtigen Dinge tut machen sie ja auch Spaß! Aber diese Dinge dauernd zu wiederholen, ohne Input von draußen zu bekommen, schafft irgendwann eine Monotonie herbei. Und wenn man sich für so lange Zeit immer wieder fragt „Wonach fühle ich mich heute?“, dann wird man bald fast alles ausprobiert haben, was einen interessiert oder fasziniert. So wird der Punkt irgendwann erreicht, an dem man sich nicht mehr begeistert kann, dass der Arbeitstag endet oder sich das Wochenende nähert. Selbst Urlaub erscheint zunächst nicht sehr verlockend.

5. Zukunftspläne und Träume sind schwer fortzuführen

Jeder hat bestimmte Ziele und Pläne für die Zukunft, meist basierend auf eigene Wünsche und Bedürfnisse. Ich verfolge meine jedoch weniger oft und weniger euphorisch, wenn niemand neben mir sitzt der mich dafür auch Anerkennung schenkt und unterstützt – und dadurch sogar einen gewissen Druck aufbaut, Ergebnisse zu präsentieren (Hinweis: das ist positiv gemeint!). Ein Partner, mit dem man Begeisterung, aber auch Frustration teilen und mit dem man Ideen austauschen kann, macht einen großen Unterschied bei der Umsetzung von Zielen. Es ist klar, dass die Grundmotivation von einen selbst heraus kommen muss. Aber wie oft ist es euch auch passiert, dass ihr eure Richtung verloren habt, weil es keinen interessiert hat was ihr macht?

Social Media kommuniziert, dass man von alleine Leidenschaften verfolgen soll, um ein zufriedenes Leben zu führen. Dass nur wenn man eigene Projekte eigenständig verfolgt erfolgreich und begehrenswert für Andere wird. Dabei wird aber oft die zweite Seite der Medallie vergessen. Eben die, dass Motivation nicht einfach aufzubauen und va. standzuhalten ist.

6. Ständige Selbstkritik und Vergleich mit „den Anderen“

Mittlerweile hört man es überall: sich mit Anderen zu vergleichen macht keinen Sinn und wirkt sehr belastend. Rational gesehen weiß ich das auch. Trotzdem ist es ein menschliches Merkmal, Selbstzweifel zu haben und zu hinterfragen, warum man allein ist und keinen geeigneten Partner finden kann. Vor allem, wenn man Geschichten von Freunden hört, wie sie Beziehungen aufbauen, während man selber regelmäßig mit negativen Erfahrungen konfrontiert wird.

Ich habe gelernt, dass wenn ich jemanden treffe inzwischen einfach den Kontakt genieße und schaue, wohin sich das Ganze entwickelt. Ich habe gelernt, dass es bei mir definitiv anders läuft wie bei anderen ;). Ich habe v.a. auch gelernt MICH und meine Einstellungen zu genießen. Nur so kann der Weg für eine authentische und entspannte neue Begegnung geebnet werden.

Hinweis: Der Umgang mit Selbstkritik und meine Lösungsstrategien werden in einem separaten Artikel veröffentlicht.

 

Klärung des Missverständnisses

It is not a overall remedy
Ich kommuniziere die oben genannten Symptome immer offen und direkt, weil sie einen großen Teil meines Alltags ausmachen und mich belasten. Ich weiß, dass eine intime und vertraute physische und emotionale Bindung meine Situation enorm verbessern würde. Basierend auf dieser Aussage gehen die Leute jedoch stark davon aus, dass ich im Allgemeinen glaube Probleme werden durch Beziehungen gelöst.

Ich möchte klarstellen: Ich glaube nicht, dass eine Beziehung ein universelles Mittel gegen Probleme ist. Eine Beziehung und eine tiefe Bindung zu haben, wirft verschiedene Probleme auf (Verlust der Freiheit, Erwartung von Kompromissen, Verantwortung usw.). Aber ich glaube, dass Alleinsein Einsamkeit und Entfremdung nährt und daher eine intime Beziehung ein gutes Mittel gegen Einsamkeit darstellen kann.

Erst kürzlich hatte ich die Gelegenheit, eine Person tiefgründiger kennenzulernen. Er hat gern mit mir Dinge unternommen, wir haben über alles gesprochen, er hat mich nach meinem Alltag gefragt… Kurz, er hat sich für mich und mein Leben interessiert. Ein Freund, der mich oft „beschuldigte“, die Lösungen zu meinen Problemen nur in einer Beziehung zu suchen, traf mich zu diesem Zeitpunkt. Er war überrascht, wie entspannt und ausgeglichen ich war. Und das „nur“, weil ich jemanden gefunden hatte, der es mit mir ernst meinte und ich langsam auf den Geschmack kam zu vertrauen und Gefühle aufzubauen (plus war der regelmäßige körperliche Kontakt wie Kuscheln und Sex natürlich auch hilfreich 😉 ). Ist es also wirklich so überraschend, dass ich eine Beziehung gerne hätte und den Wunsch gerne laut äußere? Mein Kumpel hatte seinen Eindruck über mich revidiert.

 

Erwartungen an meine Umgebung

talking to each other helps
Im Allgemeinen sollten sich Menschen immer in die Position anderer versetzen, um Aussagen besser verstehen zu können. Meinen Freunden gebe ich immer den Rat, Folgendes zu beachten:

Es ist sehr schwierig, unfreiwillig allein zu sein und mit Einsamkeit zu kämpfen, während andere ihre Beziehungen aufbauen, sie fortsetzen und die größten Kapitel im Leben (Ehe, Kinder, …) eröffnen. Als „Außenseiter“ ist man dann automatisch von der Gesellschaft entfremdet und niemand hat einen darauf vorbereitet.

Ich möchte hinzufügen, dass für eine gesunde Freundschaft natürlich ein gegenseitiges Verständnis erforderlich ist. Auch ich als Dauersingle muss verstehen, dass Beziehungen schwierig und stressig sein können und ich muss mein Ohr offen halten für Probleme meiner Freunde. Ich erwarte dasselbe von ihnen, dass sie mich nicht beiseite schieben, wenn sie anfangen eigene Familien zu haben.

 

Fazit

conclusion
Es ist immer gut für das Selbstwertgefühl und Ego, jemanden in der Nähe zu haben, der einen ermutigt, aufbaut und Sicherheit gibt. Dies bedeutet nicht, dass eine Beziehung als universelles Mittel angesehen werden sollte oder gar wird. Die meisten Menschen sind sich bewusst, dass eine Bindung und Beziehung auch neue Probleme mit sich bringen kann.

Nun seid ihr dran!

FingerzeigKommentar-Blase

Ich frage euch nun, seid ihr meiner Meinung? Oder denkt ihr, eine Beziehung ist keine Lösung zum Problem der Einsamkeit?

Ich freue mich auf all eure Kommentare. Wenn es Fragen geben sollte, zögert nicht mich zu kontaktieren.

 

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